Volker Grimsehl
Es gilt in dieser Komposition etwas umzusetzen, das für uns nie sichtbar wird: Das Reich der Toten. Das Jenseits liegt jenseits aller Vorstellungen. Der Weg dahin ist zwar dunkel und unheimlich. Nah-Tod-Erfahrene, die über die Schwelle schritten, berichten aber von hellem Licht und großer Leichtigkeit. Sie gehen danach unbekümmert ihren weiteren Weg. Es gibt keinen irdischen Kummer mehr. Unbegreiflich erleichtert, fast fröhlich ist ihre Empfindung.
Diese Grundstimmung findet sich musikalisch in der Pentatonik wieder. Es gibt kein eindeutiges Dur oder Moll, keine Freude oder Traurigkeit. Sie ist "unbekümmert". Denn sie kennt nicht die Halbtonschritte, die unsere Tonarten bestimmen. Die Komposition nähert sich dieser Stimmung an. Eine dramatische Wendung unterbricht diese Klangwelt. Nicht das ängstliche Umwenden von Orpheus ist das Drama. Bei Rilke ist es bereits zu spät. Die Geliebte ist schon so verwandelt, dass sie kein Mensch mehr werden kann. Sie ist schon "aufgelöst" (und damit auch die vielen Vorzeichen in den Noten). Sie ist "Wurzel" geworden. Die Klänge kehren zurück. Denn Eurydike kann nicht mehr in ihr Leben zurückkehren. Der Gesang versiegt. Es bleibt zuletzt nur ihre gesprochene, unverständliche Frage... (Die Singstimme lässt sich über das Soundsystem nicht wiedergeben. Sie wurde daher in der Wiedergabe durch eine Bass-Klarinette ersetzt. Die im Gedicht gesprochenen Worte sollen ebenfalls gesprochen werden. In der elektronischen Wiedergabe fehlt die Sprache und ist hier jeweils nur eine Pause - das Stück geht weiter.)
Beim Komponieren reizen mich vor allem sichtbare, konkrete Bilder. Wie die "Bilder von Tschernobyl". Zufällig entdeckte Gemälde von unbekannten Künstlern aus Weißrussland. Bilder, die die Verzweiflung derjenigen ausdrückten, die unmittelbar davon betroffen waren. Das Sichtbare erhielt durch die Musik eine weitere Dimension. So entstand ein Multimedia Oratorium. Aber vor allem sind Phantasiebilder, die beim Lesen eines Gedichtes und Textes oder einfach sonst entstehen, Inhalt meiner Kompositionen. Die Rosen von Rilke oder die Abenteuer des Don Quijotes. Das schlichte Bild, das in dem "Wessobrunner Gebet" von der großartigen Schöpfung holzschnittartig gezeichnet wird, hat mich daher beim letzten Wettbewerb spontan angesprochen.
Alles was ich "sehe", möchte ich mit dem Hörsinn erfahren können. Es muss aber hörbar bleiben und nicht nur erdacht und konstruiert sein. Das Ohr bleibt unerbittlicher Maßstab für mich.
In meinem "ersten Leben" war ich Jurist und Verleger und habe, soweit Zeit (und Kraft) vorhanden war, nebenher gern auf dem Cello musiziert. Auch fand ich für mich die Möglichkeit zu Komponieren. Meistens nachts, wenn endlich die äußere und innere Ruhe dazu einkehrte. Einiges davon konnte sogar von Laienorchestern aufgeführt werden. Nun bin ich Rentner, hätte eigentlich mehr Zeit für die Musik, finde sie aber immerhin in den Ferien und manchmal zu Hause.
Vorbereitung zum nächsten Contest